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Sonntag, erster Advent "Zu zählen", sagte er, "ist doch eigentlich sinnlos, jedenfalls wenn es um Tage geht." Ich fragte mich, was er damit meinte. Klar, ein Tag ist eine schwer fassbare Einheit, man steht morgens auf, dann ist es plötzlich abends, dazwischen sind irgendwelche Sachen passiert, die aber so im Rückblick auch schon immer mehr verschwimmen. "Du musst etwas ganz, ganz anderes ins Auge fassen. Das Zählen bringt dich nicht weiter !" Es war mir noch nicht ganz verständlich, worauf er hinauswollte. Wieder hatte ich ihm nichts zu entgegnen. Ja, auch nach vorn gesehen, was ist denn schon die Zukunft - wie auch immer sie aus der Nacht der Natur oder aus den noch unzusammengebrochenen Wellenfunktionen heraustritt, sie ist doch immer überraschend alltäglich, selbst in den absurdesten Ereignissen. Wozu sollte man etwas zählen, das noch gar nicht real ist ? Oder geht es darum, die Tage dann zu zählen, wenn sie schon geschehen sind ? Oder das Jetzt zählen, ein jetzt, zwei jetzt, drei jetzt... "Du lebst in einer Illusion, du musst aufhören, etwas von den Zahlen zu erwarten !" Auch das blieb mir unklar, er saß im Sessel und blickte mich eindringlich an. Die Worte blieben mir im Halse stecken. Ich ging ins Schlafzimmer und sah, dass alle Türchen meines Adventskalenders sperrangelweit offenstanden, und die Tränen stiegen mir in die Augen.
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